MD and Norbert Lill - Marlene Dietrich Fan Club

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MD and Norbert Lill

Norbert Lill EXKLUSIV für marlene4ever / exclusively for marlene4ever:

Marlene Dietrich

„Mein Gott, DIE DIETRICH!“, schoss mir durch den Kopf, als ich seinerzeit
den Anruf erhielt, dass ich als Tonmeister für die Aufnahmen zu einer Dokumentation über Marlene Dietrich engagiert werden sollte. Marlene Dietrich - eine lebende Legende, eine Leinwandgöttin, ein Mythos, ein Idol! Durch meine Arbeit als Tontechniker hatte ich bereits eine ganze Reihe Promis persönlich kennengelernt, darunter Sophia Loren, John Cassavetes, Heinz Rühmann, Michel Piccoli, Ingmar Bergmann, aber noch Niemanden ihres Kalibers.

Es war ein strahlend schöner Herbsttag, als wir damals in der Avenue Montaigne 12 in Paris anrückten. Wir, das waren Maximilian Schell, seine Sekretärin, der Produktionsleiter, der – aus welchen Gründen auch immer – sich als mein Tonassistent ausgab und ich.

Ein Concierge fragte uns nach unserem Begehren. Maximilian Schell erklärte, einen Termin mit Frau Dietrich zu haben. Der Concierge griff zum Telefon und bald darauf durften wir einen langen,  schmalen aber hohen,  schmucklosen Gang passieren, dessen Boden und Wände komplett mit Marmor verkleidet waren. Die düstere Strenge, die lediglich durch die beidseitig, in regelmäßigen Abständen angebrachten, schmiedeeisernen Wandleuchten spärlich erhellt wurde, ließen mich unwillkürlich an ein Krematorium oder eine Aussegnungshalle denken. Der Gang führte uns schließlich zu einem kleinen, engen Aufzug, der uns zur Wohnung der Dietrich brachte. Die Türe wurde uns von einem freundlichen, augenscheinlich homosexuellen Engländer geöffnet, der sich als „Bernard“, Frau Dietrichs Butler, vorstellte.

Als ich Marlene Dietrich das erste Mal zu sehen bekam, war ich verblüfft. Die alte Frau im Rollstuhl, im dunkelblauen Trainingsanzug, deren Augen durch eine riesige, blau getönte Brille verborgen waren, erinnerten nicht im Entferntesten an die Dietrich, die ich aus Filmen kannte. Maximilian Schell überreichte Marlene ein kleines Präsent, ein Gläschen Marmelade. Schell: „Das habe ich für Sie mitgebracht, das hat meine Schwester Maria selbst gekocht.“ Dietrich: „Wer?“ Schell: „Maria, Maria Schell, meine Schwester.“ Dietrich: „Ach die! Die ist doch doof.“

Die Tonaufnahmen waren ein Kampf. Aber im Grunde die konsequente Fortsetzung einer langen (Vor-)Geschichte. Produzent Karel Dirka hatte diese Produktion schon seit einer halben Ewigkeit in Planung, aber es scheiterte jedes Mal am Regisseur. Dirka hatte Marlene Dietrich eine ganze Reihe von Kandidaten präsentiert, die aber allesamt von der Diva abgelehnt wurden (meines Wissens war sogar Orson Welles im Gespräch). Erst Maximilian Schell wurde von ihr akzeptiert. (Sie kannte und bewunderte ihn seit der Dreharbeiten zum „Urteil von Nürnberg“.)

Schell wollte den Menschen Marlene porträtieren und Marlene wollte über den "Mythos Dietrich" sprechen. Das passte nicht zusammen. Die Aufnahmen in der ersten Woche – wir begannen an einem Montag – waren immer wieder geprägt von verbalen Konfrontationen. Schließlich gelang es Maximilian am Freitag, ihr ein paar persönliche Statements zu entlocken (im späteren Film das eigentliche Finale!).

Nach dem freien Wochenende sollten die Aufnahme fortgesetzt werden. Frau Dietrich – so schien es mir – hatte über das Wochenende wohl Zeit gehabt nachzudenken und den unbeabsichtigten Einblick in ihr Seelenleben bereut. Quittiert wurde das mit geradezu feindseligem Verhalten gegenüber dem einst so bewunderten Maximilian Schell. Sie warf ihm vor, sich auf die Gespräche mit ihr nicht ausreichend vorbereitet zu haben – völlig absurd! Schell wies den Vorwurf zurück, ein Wort gab das andere, bis Schell schließlich von seinem Sitz aufstand und die Wohnung verließ. Marlene wechselte sofort die Tonlage. War sie vorher noch aggressiv, zeigte sie sich plötzlich fast kindlich erstaunt, dass Schell gegangen war. "He left? Nobody ever walked out on me…"

Als die Aufnahmen tags darauf fortgesetzt wurden, benahm Marlene sich Maximilian Schell gegenüber wie ein bockiges Kind. Die Stimmung war kühl bis frostig. Schell konnte damit seinen Traum, Marlene vielleicht doch noch vor die Kamera zu kriegen, endgültig begraben. (Die ganze Zeit über hatte ein Kamerateam stand-by gewartet, sollte Frau Dietrich es sich doch anders überlegen.)

Laut Vertag zwischen Marlene Dietrich und der Filmproduktion  sollte das Interview sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch geführt werden. Frau Dietrich erkundigte sich gleich zu Beginn der Aufnahmen bei mir auf Englisch, ob mit dem Ton alles in Ordnung sei. Ich bestätigte dies, ebenfalls auf Englisch. Frau Dietrich zeigte sich ob meines akzentfreien (amerikanischen) Englischs sehr erstaunt und wollte wissen, ob ich Amerikaner sei. Ich antwortete, ich sei Deutscher, aber als Kind in den USA, in South Carolina aufgewachsen. Fortan nannte sie mich „Carolina“.  

Bei den Aufzeichnungen saßen Marlene und Maximilian allein im großen Salon; Schells Sekretärin, Produktionsleiter Peter Genee und ich in einem kleinen Vorraum. Immer wieder huschte Bernard vorbei mit einem Kännchen Tee für Marlene. Ich registrierte erstaunt die Vorliebe Marlenes für das Aufgussgetränk: „She obviously likes tea, doesn’t she?“ Bernard verdrehte die Augen und hielt mir das geöffnete Kännchen unter die Nase. Es war Whiskey!
Die Wirkung des Alkohols war deutlich. Je länger das Interview dauerte, desto nuscheliger und kapriziöser wurde Frau Dietrich…

Nach den Ton-Aufnahmen saßen Maximilian und ich (er meinte, ich sei "der einzige Künstler hier") manchmal noch in seinem Hotel (George V) in der Bar auf einen Drink. Dabei beklagte er die Unmöglichkeit, die Dietrich  vor die Kamera zu bekommen. ("Wie soll ich einen Film machen, ohne sie filmen zu können?") Im Laufe dieser Gespräche entstand langsam die Idee, die Interviews unter das Motto "Tagebuch einer Verweigerung" zu stellen, (ich bin sehr stolz darauf, einige Ideen zur filmischen Umsetzung  beigetragen zu haben) und Maximilian gebar den Plan, Teile des Interviews später im Studio nachzustellen. Er hatte sich Notizen zur Einrichtung des Raumes gemacht, in dem die Gespräche geführt wurden, um später das Mobiliar rekonstruieren zu können.

In meinem Gepäck befand sich meine Spiegelreflexkamera mit mehreren Objektiven. Die Tonaufzeichnungen begannen immer – soweit ich mich erinnere – jeden Nachmittag um 15:00. Wir waren stets rund eine halbe Stunde zuvor vor Ort, um die Technik vorzubereiten. Bei einer dieser Gelegenheiten hängte ich mir die Kamera um und zog die Jacke darüber, den Reißverschluss ließ ich offen. So gelang es mir, ohne die Kamera ans Auge nehmen zu müssen, mit einem extremen Weitwinkelobjektiv Bilder vom Zimmer zu schießen. Anhand dieser Fotos und Maximilian Schells Notizen wurde später im Studio Dietrichs Wohnzimmer nachgebaut.

Ich hoffe, Marlene Dietrich wird mir posthum meine Dreistigkeit von damals verzeihen.
Gegenüber mir und der (winzigen) Crew gab sich Marlene Dietrich äußerst liebenswürdig. Mitten in der Feinschmecker-Metropole Paris hatte sie für uns Brötchen geordert: Aus dem deutschen Delikatessengeschäft - mit echter Thüringer Rotwurst!

Ein paar Wochen nach den Tonaufnahmen in Paris erhielt ich Post: Ein Autogramm. Von Marlene. Für mich, Norbert. Nicht für "Carolina".


Norbert Lill  05. Juni 2012




Marlene Dietrich

„OH My God, THE DIETRICH!“, shot to me by the head, when I at that time
the phone call received that I should be engaged as a sound engineer in the admissions to a documentation about Marlene Dietrich. Marlene Dietrich - a living legend, a canvas goddess, a myth, an idol! By my work as a sound engineer I had already got to know a whole series of VIPs personally, under it Sophia Loren, John Cassavetes, Heinz Rühmann, Michel Piccoli, Ingmar Bergmann, but still Nobody of her caliber.

It was a beaming nice autumn day when we pushed Montaigne 12 in Paris at that time in the avenue. We, this were Maximilian Schell, his secretary, the production manager, which – for which reasons also always – spent itself as my sound assistant and I.

A Concierge asked us for our desire. Maximilian Schell declared to have an appointment with Mrs. Dietrich. The Concierge reached to the phone and soon afterwards we might pass a long, narrow however high, plain way whose ground and walls were completely dressed up with marble. The sombre severity which was illuminated merely by them on both sides, at regular intervals, to smith-iron wall lamps meagerly let me think involuntarily of a crematory or an funeral hall. The way led us, finally, to a small, narrow lift to which Dietrich brought us to the flat. The door was opened to us by a friendly, seemingly homosexual Englishman who fancied as " Bernard", Mrs. Dietrich butler.

When I got to see the first time Marlene Dietrich, I was amazed. The old woman in the wheel chair, in the deep-blue tracksuit whose eyes were hidden by gigantic, blue tinted glasses didn't remind in the most distant of Dietrich whom I knew from films. Maximilian Schell handed a small present, a little glass jam to Marlene. Ring: „I have brought this for you, this has cooked my sister Maria itself.“ Dietrich: „Who?“ Ring: „Maria, Maria Schell, my sister.“ Dietrich: „Oh them! Nevertheless, it is stupid.“

The sound-recordings were a fight. But basically the logical continuation of a long (pre) history. Producer Karel Dirka had this production already since half an eternity in planning, but it failed every time because of the director. Dirka had presented to Marlene Dietrich a whole series of candidates who were rejected, however, all by the diva (my knowledge even Orson Welles) was under discussion. Only Maximilian Schell was accepted by her. (You knew and admired him since the shooting to the „judgment of Nuremberg“.)

Ring wanted to portray the person Marlene and Marlene wanted to speak of the "myth of Dietrich". This didn't fit. The admissions in the first week – we began on Monday – were stamped over and over again by verbal confrontations. Finally, Maximilian succeeded on Friday in drawing out of her a few personal statements (in the later film the real finale!).

After the free week-end should be continued the admission. Mrs. Dietrich – so it seemed to me – had had to think about the week-end probably time and regrets the unintentional insight into her soul life. This was given a receipt with virtually hostile behaviour towards once so admired Maximilian Schell. She accused him of having prepared for the conversations with her not enough – absolutely absurdly! Ring rejected the reproach, a word gave the other, to ringing got up, finally, from his seat and left the flat. Marlene changed immediately the sound situation. If she was still aggressive before, she was suddenly almost childishly surprised that Ringing had gone. "He left? Nobody ever walked out on me …"

When the admissions of day were continued on it, Marlene behaved towards Maximilian Schell like a stubborn child. The mood felt chilly to frosty. Ring could bury with it his dream to get Marlene maybe, nevertheless, still before the camera, finally. (All along a camera team State by had waited, Mrs. Dietrich should consider it, nevertheless, differently.)

According to adjourning between Marlene Dietrich and the film production the interview in German as well as on English should be conducted. Mrs. Dietrich enquired right at the beginning of the admissions with me on English whether with the tone everything is in order. I confirmed this, also on English. Mrs. Dietrich was very much surprised on account of my (American) Englischs without an accent and wanted to know whether I am an American. I answered, I am a German, but as a child in the USA, grown up in South Carolina. From now on she called me "Carolina".  

By the recordings Marlene and Maximilian alone sat in the big drawing room; Schells secretary, production manager Peter Genee and I in a small anteroom. Over and over again Bernard darted past tea for Marlene with a burette. I registered surprised the predilection Marlenes for the infusion drink: "She obviously likes tea, doesn't she?" Bernard twisted the eyes and held to me the open burette under the nose. It was a whisky!
The effect of the alcohol was clear. The longer the interview lasted, the nuscheliger and kapriziöser became Mrs. Dietrich …

After the sound-recordings sat Maximilian and I (he meant I am "the only artist here") sometimes still at his hotel (George V) in the bar on a drink. Besides, he deplored the impossibility, to get Dietrich before the camera. ("How should I make a film without being able to film them?") in the course of these conversations slowly originated the idea to put the interviews under the motto "to diary of a refusal", (I am very proud to have contributed some ideas for the cinematic conversion) and Maximilian bore the plan to adjust parts of the interview later in the studio. He had made to himself notes to the equipment of the space in which the conversations were carried on to be able to reconstruct the furnishings later.

In my luggage there was my reflecting reflex camera with several objectives. The sound recordings always began – as far as I remember – every afternoon around 15:00. We were always about 1 half an hour before on site to prepare the technology. With one of these opportunities I hung to me the camera around and pulled the jacket about that, I left open the zipper. Thus I succeeded without having to take the camera to the eye, shooting pictures of the room with extreme wide-angle lens. With the help of these photos and Maximilian Schell's notes sitting room was copied later in the studio of Dietrich.

I hope, Marlene Dietrich will forgive me posthumous for my boldness of that time.
Compared with me and the (tiny) crew Marlene Dietrich was extremely kind. In the middle of the gourmet's metropolis Paris she had ordered for us bread roll: From the German deli - with real Thuringian black pudding!

A few weeks after the sound-recordings in Paris I received post: An autograph. From Marlene. For me, Norbert. Not for "Carolina".


Norbert Lill 06/05/2012

 
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